„Warum denn in die Ferne schweifen, wenn doch das Gute liegt so nah!“ (Altes Sprichwort)
In sternförmiger Anfahrt kamen wir Vier in der ehemaligen altehrwürdigen Stadt der Heiligen Elisabeth / Universitätsstadt / Romantische Bergstadt an der Lahn zusammen.
In fast schon traditioneller Zuständigkeit hatte unser „Vorstand“ der Unternehmung „Brüderurlaub“, Hans-Kaspar, die Fäden so gesponnen, damit auch dieser Treff zu einer runden Sache werden sollte!
Die
versammelten 276 Minckwitzsche Lebensjahre, die sich auf die Spuren der heiligen
Landgräfin Elisabeth von Hessen begaben, wollten das Marburger Land erschließen.
Marburg hatte 1972 das 750-jährige Stadtjubiläum gefeiert. Burg und
Marktsiedlung sind jedoch viel älter, denn hier wurde schon um 1140 eine eigene
Münze, der „Marburger Pfennig“, geprägt.
Somit befanden wir uns inmitten der Zeit der geschichtlichen Ersterwähnungen unserer Familie.
Nach jüngsten Forschungen reichen die ersten Anfänge der
Burganlage sogar bis ins 9./10. Jh. zurück. Große Bedeutung erhielt die Stadt
aber erst, als
Landgräfin
Elisabeth von Thüringen Marburg 1228 als Witwensitz wählte. Sie baute ein
Hospital, in dem sie sich bei der Pflege von Kranken und Gebrechlichen
aufopferte. Obwohl sie bereits mit 24 Jahren starb (1231), gilt sie bis heute
als die bedeutendste Persönlichkeit, die je in Marburg wirkte. Über ihre große
Frömmigkeit werden viele Legenden erzählt. Schon 1235 wurde sie heilig
gesprochen und der Deutsche Orden begann noch im gleichen Jahr über ihrem Grab
die Elisabethkirche zu erbauen, die zu den schönsten gotischen Bauten in
Deutschland gehört. Pilger aus ganz Europa kamen zum Grab der Heiligen und
trugen dazu bei, dass Marburg als Stadt aufblühte. Zwischen 1248 und 1604 war
Marburg - mit einigen Unterbrechungen - Residenz der Landgrafen von Hessen. Hier
ließ 1248 Sophie von Brabant, die Tochter der Heiligen Elisabeth, sich und ihren
dreijährigen Sohn Heinrich von den Marburger Bürgern huldigen und legte damit
den Grundstein für das Land Hessen. Vor fast 500 Jahren - am 13. November 1504 -
wurde Landgraf Philipp der Großmütige geboren, Universitätsgründer, wichtigster
Mitstreiter Luthers bei der Durchsetzung der Reformation, Organisator des
berühmten Marburger Religionsgesprächs mit Zwingli 1529 und politischer Akteur
in europäischem Maßstab
Wie in jedem Brüderurlaub wird immer ein besonderer Wert
auf Bezüge zur Familie gelegt.
So
war es diesmal ein Besuch bei unserer Cousine, Waltraud (C.1. Grades) - Tochter
der ältesten Schwester unseres Vaters - Annemarie (1891- 1964) - die in der
näheren Umgebung von Marburg lebt. Zudem lebte dort bis 1964 Tante Annemarie
gemeinsam mit ihrer Mutter, unserer Großmutter. Beide verstarben innerhalb einer
Woche im Juli 1964 und sind auf dem Waldfriedhof beigesetzt. Durch unseren
Besuch der Grabstätten bekundeten wir ihnen ein ehrendes Gedenken.
Mit Waltraud gab es viele gemeinsame Erinnerungen auszukramen, besonders aus Fritzen, Gut ihres Vaters, Onkel Hans-Heinrich v. Tresckow, und es wurde bei Tee und Kuchen viel und herzhaft gelacht.
Angeregt durch die fast 1000-jährige Geschichte bot diese Stadt an der Lahn ein umfangreiches und interessantes Besichtigungsspektrum vom Altstadtrundgang mit Kirchen- und Parkbesichtigungen, Burg mit Veste und Ausflüge in die nahe gelegenen Hügellandschaften.
Unser Brüderurlaub war erneut vielschichtig und ereignisreich.
Ob es Marburg unter nächtlicher Anstrahlung oder das
Durchkreuzen der durch bunt verzierte Fachwerkbauten
geprägten
Altstadt bei Sonnenschein oder windzerzausten Regenwolken war, immer
beeindruckten uns diese Überreste der verschiedensten Zeitepochen mit besonderen
architektonischen Denkmälern.
Die Wanderung um den Kaiser-Wilhelm-Turm/Spiegellustturm mit herrlichen Blicken auf die Lahnstadt war ein Erlebnis von besonderer Nachhaltigkeit.
Eine weitere Wanderung lenkte unsere Schritte auf das
sich am linken Lahnufer hinziehende Sandsteingebirge - am Rande der Gemeinde
Ebsdorfergrund -
zu
der auf einem frei emporstrebenden Basaltkegel erbauten Burg Frauenberg.
Hierher kam im Jahre 1248 Sophie von Brabant, die Tochter der Heiligen Elisabeth, Witwe des Herzogs Heinrich von Brabant nach Marburg, um dessen Ansprüche auf das thüringische Erbe durchzusetzen.
Zu ihren Gegnern gehörte auch der Erzbischof von Mainz, dem im Marburger Land das Amt Amöneburg gehörte. Um den landgräflichen Besitz im Ebsdorfergrund zu sichern, die wichtigste Handelsstrasse zur Amöneburg zu kontrollieren und der mainzerischen Ohmfeste Schach zu bieten, ließ sie um 1252 die Burg auf jener Basaltkuppe erbauen, die dann im Volksmunde den Namen Frauenberg erhielt.
Weitere Ausflüge in den nördlichen Bereich erschlossen uns eine Region, die durch gefällige Hügellandschaften durchquert, von vielen Bachläufen charakterisiert wird. Episoden mit einem Kirchenschlüsselverwalter und einem völlig frustrierten Idealisten, der mit der Erhaltung eines Aussichtsturmes sein Rentendasein sinnvoll ausfüllte, sind wohl einmalig bzw. zufällig und entbehrten nicht einer herzerfrischenden Situationskomik.
Da sich in Marburg das Adelsarchiv seit seiner Gründung befindet und der Verfasser und Familienverbandsvorsitzende diese Einrichtung noch nicht kannte, statteten wir dieser Institution einen zweistündigen Besuch ab. Durch den stellvertretenden Leiter, Graf Strachwitz, wurden wir in die Geschichte, Aufgaben und Tätigkeiten sehr informativ eingeführt. Das Archiv sammelt alle den gesamten Deutschen Adel betreffende Dokumente, Urkunden, Bilder, Bücher und Veröffentlichungen und zwar vornehmlich Namen und Ereignis bezogen. Nach einem regen Gedankenaustausch beschloss ein Rundgang durch das Gebäude mit seinen Archivräumen, verbunden mit Sichtung der vorhandenen Akten über unsere Familie, diesen sehr interessanten Vormittag ab. Bei dieser „Sichtung“ stellten wir fest, dass die überlassenen Linienbücher fehlten. Beiderseitige Nachforschungen über den Verbleib klärten sich nach Rückkehr des Leiters auf, der in seinem Büro diese Bücher für eine Bearbeitung einer Anfrage auswertete.
Als ein fast schon traditioneller Höhepunkt jedes Brüderurlaubs wird ein besonderes kulturelles Ereignis eingeplant. Wir freuen uns alle im Vorfeld bereits erwartungsvoll auf dieses Erlebnis. Was bietet eine Stadt wie Marburg als Zentrum der Wissenschaft in kultureller Hinsicht? Erst schien es - nach intensiver Suche im Internet - als aussichtslos, denn es war nichts ansprechendes los! Kaum zu glauben! Endlich war unsere Suche vor Ort doch noch erfolgreich. Vermeintlich glaubend, eine Theateraufführung im Stadttheater zu erleben, tippelten wir ins Zentrum, um uns nach einem Imbiss zeitgerecht in der Stätte der Aufführung einzufinden. Erschrocken über eine totale Menschenleere um den Theaterkomplex machten wir uns durch Nachfrage kundig und wir mussten feststellen, dass wir vor der falschen Stätte auf Einlass warteten. Flott schnappten wir uns ein Taxi, um noch zeitgerecht den Spielort zu erreichen. Der viel versprechende Titel des Stückes war „Lügen haben junge Beine“ von Ray Cooney - insgeheim die Verlockung pur. Doch wie wohltuend wurden wir überrascht! Nichts von der titularen Anrüchigkeit wurde geboten. Vielmehr war es eine nette, gutgespielte Lebensposse über ein Doppelleben eines Busfahrers zwischen zwei Frauen. Sehr erheiternd, aber nicht zu vergleichen mit dem anspruchvollen Konzert, wie wir es in Quedlinburg als Höhepunkt des 4. Brüderurlaubes erlebten!
Ganz zum Schluss eine besondere Rückerinnerung an unser Quartier.
„La Villa“, eine Frühstücks- pension von ausgewählter Klasse. Wie
man sieht, wurde uns ein Frühstücks- buffet kredenzt, das keine Wünsche offen
ließ. Ausgesuchte und ge-schmackvolle Individualität im ganzen Haus ist das
Aushängeschild dieses Familienbetriebes. Wir haben uns alle rundum wohl gefühlt
und waren für die Auswahl durch Hans-Kaspar sehr dankbar und zufrieden. Man kann
dieses Haus mit gutem Gewissen weiterempfehlen!
Den nächsten Brüderurlaub im Jahr 2005 planen wir im Raum Rügen zu verbringen. Euer Echo wird wieder genügend Antrieb geben, dass einer von uns Vieren darüber einen Bericht verfasst! Vielleicht gelang es mir, bei euch an dieser Gegend um und Geschichte von Marburg Interesse zu wecken?
Herzlichst
euer Horst.
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